Medien: Qualitätsjournalismus am Beispiel Maut
In der nicht verstummen wollenden Diskussion um die Zukunft der Zeitungsverlage ziehen sich Verleger immer wieder auf die Position zurück, dass das Heil der Zeitungen im Qualitätsjournalismus liege. Die Perspektive der Zeitungen bestehe vor allem aus einer gut recherchierten Hintergrundberichterstattung und Analyse komplexer Zusammenhänge. Jedoch folgen die Handlungen der Verleger eher den wirtschaftlichen Zwängen, die das Gegenteil provozieren – Redaktionen werden verkleinert, Kosten gesenkt und die Qualität der Produkte leidet mehr als dass sie steigt.
In den vergangenen Wochen waren die Diskussionen um die Ausweitung der Maut in Deutschland allgegenwärtig – angeregt von einer Studie des Bundesumweltamtes im April dieses Jahres schossen die Spekulationen ins Feld, ob die Einführung einer PKW Maut sinnvoll und durchsetzbar wäre. Auch klare Dementis der führenden Politiker – vom Bundesverkehrsminister bis hin zur Kanzlerin – vermögen diese Diskussionen nicht zum Verstummen zu bringen.
Im Rahmen des sogenannten Sparpakets wurde nun kürzlich die Ausweitung der LKW Maut auf die vierspurigen Bundesstraßen beschlossen – und wieder schwappen die Emotionen hoch und werden von den Medien getragen. Es folgen Forderungen von Politikern, die LKW Maut auch auf einspurige Bundesstraßen zu erweitern, Proteste der Logistik-Verbände kommen ohne Zeitversatz.
Doch wie sind diese unterschiedlichen Szenarien einzuschätzen? Welche Optionen sind überhaupt realistisch umzusetzen und welche kommerziellen Effekte sind letztendlich damit verbunden? An dieser Stelle wäre es an den Tageszeitungen, tatsächlich einmal eine Grundlage für die öffentliche Diskussion zu schaffen und sich um Aufklärung zu bemühen.
Von Qualitätsjournalismus ist in der aktuellen Berichterstattung zu dem Thema jedoch nicht mehr viel zu sehen; die Artikel (auch der großen Tageszeitungen) sind oftmals inhaltlich falsch, wesentliche Aussagen werden unreflektiert von den politischen Interessengruppen (deren Sicht auf die Welt und deren Kommunikation immer von einem Eigeninteresse gefärbt ist) übernommen, für die daraus abgeleiteten Möglichkeiten der generellen Bewertungen fehlt es offensichtlich an Gundlagenwissen über das diskutierte technische System.
Das Ergebnis sind Erklärungsversuche, die den Leser mehr in die Unwissenheit führen und in fruchtlose Diskussionen verwickeln, als ein Beitrag zur „echten“ politischen Meinungsbildung.
So wird zum Beispiel – immer wieder und von den verschiedensten Medien – die „Mautbrücke“, die eigentlich „Kontrollbrücke“ heisst, als zentrales Element des deutschen Mautsystems dargestellt und so getan, als ob diese für die Erhebung der Maut verantwortlich sei. Man erinnere sich an den Sturm der Entrüstung in den Medien, als „herauskam“, dass jeweils nur ein Teil der Kontrollbrücken paralllel aktiv geschaltet ist. Dass sie nur ein Bestandteil eines breiten Kontrollsystems ist und mit der Mauterhebung nicht in unmittelbarem Zusammenhang steht, bleibt unberücksichtigt.
Die wesentlichen Zusammenhänge – zum Beispiel, dass die Maut auf Basis von satellitengestützter Ortung durch die On-Board Units errechnet und per Mobilfunk an die Toll Collect übermittelt wird – werden nicht dargestellt.
Doch gerade der komplexe Gesamtzusammenhang des deutschen Mautsystems ist entscheidend für die Diskussion einer so weitreichenden Entscheidung wie der Ausweitung der Maut. So sind z.B. die Mautbrücken bei weitem nicht der größte Kostentreiber des für die LKW-Maut eingesetzten Systems, sondern die On-Board Units, mit denen aktuell jedes Fahrzeug ausgerüstet werden muss, um bemautet zu werden. Allein dieser Faktor sprengt jeden Business Case für eine PKW-Maut auf Basis der aktuell eingesetzten Technologie, denn doppelte Belastung der PKW Fahrer mit Einbaukosten und Mautgebühren ist politisch nur schwierig durchsetzbar.
Die Frankfurter Rundschau lieferte jüngst ein beängstigendes Beispiel für den Weg des deutschen Qualitätsjournalismus. In einem am 14. Juni auf FR-online.de veröffentlichten Artikel verweist der Autor darauf, dass „Mautbrücken“ bei Einführung einer flächendeckenden Maut überflüssig wären und ein moderner Fahrtenschreiber mit einem Satelliten-Ortungsgerät ausreichen würden. Fragen, wie die Maut erhoben werden soll und welche Kontrollsysteme die ordnungsgemäße Entrichtung der Maut sicherstellen, werden einfach ausgeblendet.
Die großen Zeitungsverlage sollten sich bei Ihrer Argumentation zudem nicht darauf zurückziehen, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Online- und Print-Journalismus gebe – Online publizierte Artikel von Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anderer großer Institutionen sind auch immer ein Aushängeschild der im Blatt veröffentlichten Produkte und dürfen keinem minderen Qualitätsanspruch unterliegen, will man das Printobjekt als Qualitätsprodukt positionieren.
Insbesondere müsste den Online-Journalisten zumindest auch eine Basisrecherche im Internet zuzutrauen sein. Ein Blick in Wikipedia ermöglicht es heute, in Minutenschnelle die Hintergründe und Zusammenhänge des deutschen Mautsystems zu erkennen. Echter Qualitätsjournalismus muss – um dauerhaft überzeugen und bestehen zu können – über die Qualität der Online in den bekannten Quellen publizierten Informationen hinausgehen und eine korrekte Transferleistung erbringen; bleibt er dahinter zurück, wie im Falle der deutschen Maut, bleibt ein fader Beigeschmack und ein kleiner Vertrauensverlust in das Medium Zeitung.
Der Artikel der Frankfurter Rundschau trug bezeichnenderweise den Titel „LKW-Maut auf Bundesstraßen: Noch viele Fragen offen“.
Kommentar von Marc Strüßmann und Thomas Becker, 01. Juli 2010
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