IT: Cloud Computing – Deutschland im Hintertreffen

„Cloud Computing“ ist seit zwei Jahren Mode. Doch in Deutschland eine, die bisher nur auf der Zunge getragen wird. Denn während die Umsätze mit dem Geschäft weltweit kräftig wachsen und auch immer mehr Großunternehmen auf die virtuelle IT-Infrastruktur zurückgreifen, scheint Deutschland ins Hintertreffen zu geraten. Das kann zum Verhängnis werden.

Mittels Cloud Computing kann Rechenleistung, Speicherkapazität und Software über das Internet gemietet werden. Unternehmen lagern so die eigene IT-Infrastruktur aus, die sich dann in einer „virtuellen Wolke“ befindet. Dadurch müssen sie zum einen weniger investieren – die eigenen Mitarbeiter benötigen nur noch einen leistungsschwachen PC und einen Internet-Browser. Zum anderen sind sie aufgrund der oft nutzungsabhängigen Kosten flexibler bei schwankenden Geschäfts- und Ertragslagen.

Dem Markt wird ein riesiges Potential und extreme Bedeutung zugesprochen. 44 Mrd. Dollar werden Unternehmen 2013 für Cloud Computing ausgeben, so die Marktforscher von IDC. Heute sind es bereits über 14 Mrd. Dollar. Das freut vor allem die Großen Drei im Geschäft: Google, Microsoft und Amazon.

Googles zwei Millionen vernetzte Server tragen den Cloud-Computing-Service „Azure“, der gemeinsam mit der Bürosoftware „Google Apps“ mehrere hunderte Millionen Dollar jährlich einbringt und damit den wachstumsstärksten Bereich des Informationsgiganten darstellt. Microsoft will 2010 nachziehen und ebenfalls ein internetbasiertes Office-Paket auf dem Markt bringen. Und Amazon ist heute Marktführer bei Rechenleistung und Speicherplatz für Geschäftskunden. Auch die weiteren Ambitionen beim Onlinehändler Nummer 1 sind groß: der CTO hat jüngst verkündet, dass die Cloud-Computing-Sparte das Einzelhandelsgeschäft irgendwann überholen wird.
Die meisten Kunden kommen bisher aus den USA, wo neben Städten und Forschungseinrichtungen vor allem die Unternehmen nachfragen. In drei Jahren sollen vier von fünf Fortune 100 Unternehmen Clouds nutzen.

Anders in Deutschland. Obgleich die Wolkentechnologie auch hierzulande in aller Munde ist, geben die meisten deutschen Firmen an, sich noch nicht ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigen. Nur sieben Prozent gehören bisher zu den Nutzern, nur sieben weitere planen den Einstieg. Mut sieht anders aus.

Eine tolle Vision sei es ja schon, so ganz ohne große Investitionen. Doch was ist mit dem Datenschutz – und wo liegen unsere Daten überhaupt? – so ähneln sich die Gespräche und Bedenken der Verantwortlichen. Dann doch lieber erstmal abwarten, bis sich die Integrationsfähigkeit und Praxistauglichkeit erwiesen hat. Und genau hier steckt die Gefahr.

Wo für Investitionen und Lizenzen keine Kosten mehr anfallen und meistens auch keine Mindestvertragslaufzeiten, und wo sich eine komplette IT-Infrastruktur innerhalb von wenigen Tagen oder sogar Stunden aufsetzen lässt, da ergeben sich für junge Unternehmen große Chancen, es im Handumdrehen mit den etablierten Unternehmen aufzunehmen. Ideen können so viel schneller umgesetzt werden. Und die Lasten einer eigenen IT, die selbst ungenutzt massiv Kosten frisst, entfallen. Deutsche Unternehmen, die sich nicht mit Cloud Computing befassen wollen, könnten schneller als erwartet zurückfallen hinter neuen Innovatoren und zukunftsgewandten Konzerne aus der ganzen Welt.

Ein Paradigmenwechsel tut weh. Besonders hierzulande, wo invididuelle Geschäftsprozesse als Differenzierer und möglicher Wettbewerbsvorteil gelten. Und natürlich sind auch längst nicht alle Fragen um den Datenschutz restlos beantwortet. Aus diesen Gründen suchen die ersten Großunternehmen einen Kompromiss in einer Art privater, firmeninterner Cloud, bei der zumindest Verwaltungsaufwände gesenkt werden sollen, weil sich jede Abteilung ihr IT-Paket selbst zusammenbauen kann. Doch die IT muss weiter selbst betrieben werden, wenn auch zum Teil mit weniger Servern und besserer Auslastung.

Die meisten deutschen Unternehmen tun sich bis jetzt jedoch selbst mit solchen vergleichsweise „kleinen“ Schritten schwer. In einer Geschäftswelt, die sich durch Cloud Computing noch schneller drehen wird, ist aber auch das Risiko größer, in kurzer Zeit weit zurückzufallen. Wer die Wolke am Himmel also verkennt, der kann schon bald im Regen stehen.

Kommentar von Jens Meyer und Tim Schlenzig, 17.12.2009

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